![]() |
![]()
Dort hin und wieder zurück: Fünf Gründe warum Tolkien rockt
Erster Blog.
Seit Mitte 2009 blogt China Miéville als Gast emsig für den amazon-Sprößling Omnivoraciuos.com.
Molosovsky macht sich die Mühe diese Blogs nun für uns zu übersetzen. Vielen Dank Molo!!
Gast-Blogger China Miéville, 15. Juni 2009 für Omnivoracious.com:
Dort hin und wieder zurück: Fünf Gründe warum Tolkien rockt
Natürlich braucht der Autor des Jahrhunderts keine Schützenhilfe (schon gar nicht von einer Made wie mir). Keine Macht dieser Welt könnte weder die unerbittliche Dampfwalzenwucht seiner Verkaufszahlen, noch das welthistorische Ausmaß seines Einflusses, oder das wahrhaft gewaltige Gewicht seiner Errungenschaften schmälern. Der Mann sorgt für das ›episch‹ in ›epischer Sieg‹. Dennoch — oder, genauer, gerade deshalb — so sicher wie die Gezeiten, richtet alle paar Jahre irgendjemand einen unwirschen Verriss gegen den Professor und erklärt warum er der Teufel / das Schlimmste, was der Fantasy geschehen konnte / das Sprachrohr der Reaktion / der langweiligste Autor aller Zeiten / ect. ist. Der ödipale Groll der viele derartiger Attacken antreibt, mag ziemlich offensichtlich sein, besonders bei jenen, die selbst phantastische Fiktionen schreiben, aber daraus folgt nicht, dass der Gehalt solcher Kritik unangebracht wäre. Es lässt sich vortrefflich vernünftig über die Wirkung, die Beschaffenheit, die Größenordnung und den Erfolg von Tolkiens Werk streiten. Das schon religiöse Eiferertum mit dem einige Tolkienianer den Meister verteidigen, ist da nicht hilfreich, wenn sie Ausgangspunkte für Debatten ignorieren und sich weigern, mit Fassung irgendwo einen Fehler am mittelerdischen Gebäude einzugestehen. Feiner argumentierende Pro-Hobbitpartisanen wählen manchmal — zugestehend, dass es immer Diskussionen geben wird — eine Verteidungshaltung, die für manche von uns fragwürdig erscheint, denn es gibt nicht nur Auseinandersetzung darüber, was bei Tolkien bedauerlich ist, sondern auch darüber, was bei ihm essentiell und unabdingbar ist. Was nun folgt ist dementsprechend eine Zusammenstellung Einiger In Manchen Fällen Vielleicht Irgendwie Unzureichend Dargelegter Gründe Warum Wir Alle Tolkien Schrecklich Dankbar Sein Sollten. Als bloße Verteidigung eines Werkes das weiterhin gedeiht, mag diese Fürsprache nun überflüssig erscheinen, ist aber deshalb vielleicht nicht gleich ganz sinnlos.
1) Nordische Magie
Allzu lange waren die griechisch-römischen Geschichten die fetten Pantheons auf dem Gelände. Zeus hier, Persephone da, Skylla & Charybdis dort, das Rauschen war endlos, und jeder der von Mythen hingerissen war, musste sich anstrengen, mal was anderes zu vernehmen. Für einige von uns stimmte mit dieser Tradition irgendwas nicht — und es ist schwer, das genau zu benennen —, sie sind auf vage Art flach; vielleicht zu sauber; überfrachtet mit Präzision. Alan Garner, womöglich der am brillantesten an dieser Abneigung Leidende, beschrieb es einmal so: für ihn sind die griechischen und römischen Mythen ›so kühl wie ihr Marmor‹.
Man vergleiche damit die knotige, herbstliche, blutige Unvorhersagbarkeit der nordischen Geschichten, mit ihren anti-moralischen, schwer zu fassenden Feinheiten, ihren grundlosen und faszinierend-variantenreichen Götterrängen, ihren herzerweichend bizarren Nomenklaturen: Ginnungagap; Yggdrasil; Ratatösk. Aus dieser Tradition hat Tolkien geschöpft und sie glorifiziert — Mittelerde ist immerhin eine nicht gerade subtile Übersetzung von Midgard.
Für diejenigen unter uns, welche die Vormachtstellung der Klassiker der Klassizisten bedauern, sind die zähen Anglo-Sachsionismen von Mirkwood und seiner Umgebung eine Erholung. Wir wussten schon immer, dass diese anderen Götter und Monster cooler sind.
2) Tragik
Ganz anders als bei denen, die er beeinflusst hat, ist Tolkiens Vision tragisch, trotz all dem Heil-Gefährte-schön-Dich-zu-sehen, trotz der Behaglichkeit des Auenlandes, trotz der erbarmungslos waldigen Glückseligkeit von Tom Bombadil. Die letzten Tränen in den Augen der Charaktere und Leser sind nicht solche der unumwundenen Freude. Ja, einerseits gewinnen die Guten; aber andererseits, was für eine Schande, dass eine ganze Epoche ihre Glorie verliert. Die Magie zieht natürlich nach Westen, doch auf eigentümliche Weise wird einer Erzählform abgeschworen, mit dem seltsamen Echo nach der letzten Schlacht, dem Nach-Ende von »Der Herren der Ringe«, der Säuberung des Auenlandes, das Peter Jackson sträflicherweise weggelassen hat. In einer Alternativwelt hätte diese Passage dem talentierten, jungen, hipp-tätowierten Videospieledesigner Johnno Tolkien eine Watsche seines Produktionsstudios eingebracht: seit wann platziert man direkt nach dem großen finalen Kampf gegen den Oberbösen einen minderen Unhold? Aber genau darum geht es ja. Selbstverständlich führt die Episode soweit sie geht zu einem ›guten‹ Ende, aber durch ihre bloße Geringfügigkeit im Vergleich mit dem was zuvor stattfand, ist sie auf glänzende Weise unbefriedigend, leitet über zu einem Zeitalter parodistisch abgeschwächter Epen, in denen es nicht nur die Elfen sind, die gehen: nicht mal einen richtigen Dunklen Herrscher gibt es noch. Was immer man auch als antreibenden Moment hinter Tolkiens tragischer Vision annimmt, und wie immer man sich auch zu seinen politischen und ästhetischen Gepräge stellt, die Tragik der schleichend flatterhaften Alltäglichkeit verleiht Mittelerde eine kraftvolle Melancholie, die bedauerlicherweise bei vielem was folgte fehlt. Dieser Aspekt verdient es gefeiert zu werden und sich auf ihn neu zu besinnen.
3) Der Wächter im See
Kumpel.
Das war total cool. Sag über ihn was Du willst, aber Tolk fährt gute Monster auf. Shelob, Smaug, der Balrog … mit ihren erstaunlichen Namen, dem furchterregenden Elan ihrer Beschreibungen, ihren unterschiedlichen ungezähmten Böswilligkeiten, sind diese Kreaturen ganz in unsere Weltsicht eingeflossen. Niemand kann von Riesenspinnen schreiben, außer in Rückblick auf Shelob; alle Drachen sind nun Nebenfiguren. Und so weiter.
Und zum Deibel, was hat es mit dem Wächter im See auf sich? Hier tritt die Technik des Zu-wenig-beschreibens, des Zurückhaltens verblüffend hervor, jener anderen großen Technik um Unheil zu beschreiben. Wir wissen fast nichts über dieses vielgliederige Ding im Wasser ausserhalb von Moria. Manche meinen, dass es ein riesiger Kraken sei. Das glaube ich nicht, da das Wesen in Süßwasser lebt, zu viele Tentakel hat, und diese auch noch Finger besitzen. All das trifft auf Kraken nicht zu. Drei Dinge aber wissen wir: es hat Tentakel; es ist ein knallhartes Vieh; und es ist seltsam. Und das sorgt zweifellos dafür, dass es rockt.
4) Allegorie
Tolkien hat erklärt, dass er ›eine herzliche Abneigung gegen Allegorie‹ hegt. Amen! Amen! Und nur der Klarheit wegen sei gesagt, dass keinerlei Widerspruch vorliegt zwischen dieser Aussage und der gewissen Tatsache, dass seine Welt voller Metaphern ist, die sich lesen lassen und gelesen werden sollten, wie sie, mal mehr mal weniger durchdacht, alles Mögliche über Ideen zu Gesellschaft, Standesklassen, Krieg ect. vermitteln. Und genau darin liegt der Unterschied zwischen Allegorien und Metaphern: letzte sind fruchtbar, vieldeutig, bringen verschiedene Bedeutungen hervor, weichen aber stabiler Starrheit aus; erstere sind größtenteils nur fruchtbar und interessant insofern sie scheitern. Indem er Allegorien abschwört, weigert sich Tolkien der Haltung zuzustimmen, dass fiktionale Werke eingeengt und präzise auf irgendeine zu reduzierende Art und Weise hauptsächlich, einzig und allein oder tatsächlich ›über‹ etwas anderes oder ›von‹ etwas anderem sprechen; dass die Arbeit des Lesers, die eines Code-Brechers ist, dass wir mit dem richtigen Schlüssel einen hermeneutischen Algorithmus anwenden und das Buch ›auflösen‹ können. Tolkien weiß, dass dies sowohl zu plumpen Fiktionen als auch zu klobigen Codes führt. Seine Unzufriedenheit mit den Narnia-Büchern rührt zum Teil genau daher, dass diese zu weit in Richtung Allegorie driften und somit einen Unglauben gegenüber ihrer eigenen Ideenlandschaft an den Tag legen. Ein ähnliches Problem zeigt sich mit Autoren, die verschiedene Versuche in die Gefilde der U- oder Dystopien unternehmen, ohne sich in diesen Genre, und damit den Welten die sie schaffen, zuhause zu fühlen, wenn sie dann darauf beharren, dass diese Welten ›von‹ wirklichen und ernsten Dingen sprechen — dadurch berauben sie diese Welten ihrer Besonderheiten, die sie brauchen, um wert zu sein sich in sie zu begeben, oder um überhaupt ›Bedeutung‹ vermitteln zu können.
Das soll keine Fürsprache für Naivität, für die Scheu vor Konsequenzen und Analyse, für eine unmögliche und witzlose Rückkehr zur ›nur eine Geschichte‹-Haltung sein. Das Problem liegt nicht darin, dass die Allegorie auf nutzlose Art die ›Bedeutung‹ einer ›puren‹ Geschichte übersteigert, sondern dass sie diese sträflich vermindert.
Ob Tolkien selbst diesem Argument zur Gänze zustimmen würde, soll hier nicht der springende Punkt sein: dass er ›eine herzliche Abneigung gegen Allegorie‹ hat, ist der entscheidende Schlüssel für das Projekt einer phantastischen Fiktion, die eindringlich und nicht reduzierbar sowohl für sich selbst steht, als auch in sich selbst ruht, und damit eine Fiktion ist, die diese Bezeichnung verdient hat.
5) Zweitschöpfung
Mittelerde war freilich nicht die erste erfundene Welt. Doch so wie diese Welt erdacht und gehandhabt wurde, stellt sie eine Revolution dar. Die
Welten der Magie in den Werken von Eddison, Leiber, Ashton Smith und vieler anderer — so dynamisch, brilliant, ausgelassen und viel geliebt sie auch
sein mögen — richten sich nach der Handlung aus. Das soll keine Kritik sein, denn dieses Vorgehen ist völlig legitim. Doch der Paradigmenwechsel,
für den es auch andere Beispiele geben mag, für den aber Tolkien mit weitem Vorsprung der exemplarische Herold ist, bedeutet eine außerordentliche
Umkehrung des Verfahrens, und bereichert das Handwerk des Erzählens um einzigartige Werkzeuge und Möglichkeiten. Die Ordnung ist auf den Kopf
gestellt: zuerst kommt die Welt, und erst dann geschehen in dieser Welt Dinge, treten Geschichten hervor.
Dieses Verfahren ist mittlerweile so tonangebend (Millionen von Frauen und Männern zeichnen Millionen von Karten, schreiben Millionen von
Geschichtschronologien, erfinden Welten in denen, vielleicht irgendwann, ein paar Leute später auch Geschichten ansiedeln), dass es schwer geworden
ist zu erkennen, was die Bedeutung dieses konzeptionellen Wandels ist. Und dieses Verfahren wird derart verhöhnt und nieder gemacht — oftmals
glänzend, wie in den feurigen Attacken von M. John Harrison, diesem herausragenden Anti-Phantasten, wenn er Weltenbauen als ›fetten stampfenden Fuß
der Langweiler‹ beschreibt —, dass es schwierig ist, darauf zu beharren, welche ästhetischen und erkenntistheoretischen Möglichkeiten dieses
Weltenbauen ermöglicht, die wertvoll und vielleicht auf andere Weise gar nicht zu erreichen sind.
Diese Diskussionen ist es wert geführt zu werden. Das Verfahren des Weltenbauens führt zu Geschichten, die verbunden sind mit der Welt in welche
sich die Leser begeben — erfüllt von ›idealen Schöpfungen‹ des Autoren, oder in Tolkiens Worten: ›der inneren Folgerichtigkeit der Realität‹. Was
auch immer es sonst sein mag, es sorgt für ein fremdartige und einzigartige Leseerlebnis. Tolkien führt den Trick nicht nur vor, tatsächlich
erfindet er ihn sogar, sondern überdenkt und untermauert diesen Prozess, den er ›Zweitschöpfung‹ nennt in seinem herausragenden Essay ›Über Märchen‹
auch theoretisch. Es ist kaum zu glauben, und spricht für ihn, dass seine Überlegungen zu dem Typ Fantasy, der inzwischen wahrscheinlich als
Standard gilt, bis heute nicht nur maßgeblich, sondern die einzigen sind. Ob man das nun bejubelt oder bedauert, es ist eine unglaublich kraftvolle
literarische Vorgehensweise, und der Mangel an systematischer, philosophischer und kritischer Auseinandersetzung mit ›Zweitschöpfung‹ und Weltenbau
als Ganzes, und nicht nur mit diesem oder jenem Beispiel, ist erstaunlich. Meines Wissens nach — und ich lasse mich da gerne berichtigen — gibt es
nicht ein einziges buchlanges, theoretisch-kritisches Werk, oder eine Aufsatzsammlung, die diese phantastische Technik der Zweitweltschöpfung
untersucht. Das ist verblüffend. Dagegen haben wir mit dem nun 70 Jahre zurückliegenden Tolkien nicht nur einen großartigen Vorreiter dieser
Methode, sondern er ist immer noch einer ihrer wichtigsten und bahnbrechendsten Gelehrten.
Es gibt natürlich noch viele weitere Gründe um Tolkien dankbar, und auch verständliche Gründe, um von ihm genervt zu sein. Kritik wie auch
Bewunderung hat ihren Platz. Tolkien mangelt es nicht an großer Anerkennung, das aber soll uns nicht daran hindern, jene Aspekte seines Schaffens zu
loben, die es am meisten verdient haben, oder den vernachlässigten Aspekten gerechtfertigte und inbrünstige Lobpreisung angedeihen zu lassen.
übersetzt von molosovsky
englisches Original zu finden unter: Omnivoraciuos.com
|
![]() |